Unterricht / Philosophie

Gesang ist die direkteste Art Musik zu machen. Es gibt kein Instrument, das so persönlich ist, denn man ist im wahrsten Sinne des Wortes mit seiner Stimme verwachsen. Somit ist singen wohl die gefühlvollste und subjektivste Art, Kunst auszudrücken.

Ich singe seit ich zwei Jahre alt bin und als ich anfing wusste ich nicht, auf welche Weise ich es tat und ich wusste auch nicht, warum ich sang. Ich tat es einfach- Tag und Nacht. Ich muss ein seltsamer Kauz gewesen sein, schüchtern, introvertiert, vergesslich, aber stets höflich und wohlwollend zu jedem Menschen um mich herum.

Ich muss gestehen, dass sich daran wahrscheinlich nicht allzu viel geändert hat, außer vielleicht, dass ich mir über das "warum" bewusster bin. Das Singen war mir nämlich ganz und das gar nicht grundlos gegeben, wie ich im Nachhinein sagen kann: es sollte mir das Leben retten!

In einem Zeitraum zwischen 8 und 10 Jahren bekam ich Klavierunterricht, komponierte meine erste Songs und sang mir die Seele aus dem Leib. Ich kaufte mir Platten (ja, Platten!) und sang dazu. Mich faszinierten komplizierte Gesangläufe und ich checkte aus und sang nach, meistens Michael Jackson, Stevie Wonder und Terrence Trent D'Arby.

Ich erinnere mich, dass mich im Laufe meines Lebens als Sänger von Zeit zu Zeit "professionelle" Sänger, Coaches und Lehrer ansprachen und mir versicherten, dass ich mir mit meiner Technik in wenigen Jahren die Stimme kaputt machen würde und dann würde ich nie wieder gut singen können.

Nun, was soll ich sagen... ich singe immer noch und meiner Stimme ging's niemals besser!

Aber ich wollte mit 20 sowieso kein Sänger werden, sondern Psychologie studieren (was für eine bescheuerte Idee das war, aber das ist ein eigenes Kapitel), also ließ ich es drauf ankommen und sang fröhlich weiter wie immer.

Leider bekam ich mit meiner Abiturnote auf keinen Fall einen Studienplatz in Hamburg. Dafür bestand ich die Aufnahmeprüfung auf der Stage School of Music, Dance and Drama mit dem ersten Vollstipendium der Stadt Hamburg und fing erstmal an, Tanz, Musik und Schauspiel zu studieren.

Ja ja, ich bekam natürlich auch Gesangsunterricht und versuchte (wirklich!), mich darauf einzulassen. Jedoch störte es mich so zu singen, als hätte ich einen Flummi im Mund, nur weil jemand irgendwann mal behauptet hatte, man müsse den Rachen aufblasen, um seinen "Resonanzkörper" auszuweiten. 

Danke- aber nein, danke.

Es gibt natürlich Regeln, die für alle Stimmen gelten, aber eine Stimme ist eben auch eine sehr subjektive Angelegenheit.

Und wenn ich mir wie manch klassischer Sänger einen Schal umbinde, zwei Tage lang vor Konzertbeginn nicht spreche und Tee mit Honig trinke, kann ich versprechen, dass ich nicht optimal auf mein Konzert vorbereitet sein werde (sollte ich dann nicht sowieso schon aus dieser psychosomatischer Erwartungshaltung eine Grippe bekommen haben oder einfach vor Langeweile gestorben sein).

Bei mir als Sänger mit dem Focus auf Pop, Jazz und Soul gelten andere Regeln: meine eigenen! nämlich die, welche ich mir im Laufe des Jahres ersungen habe. Und zwar auf vielen, sehr vielen Bühnen, in allen, denkbaren Besetzungen und unter allen Umständen, die man sich vorstellen kann. Ich weiß genau, wann ich was tun muss, damit ich am Tag meines Konzertes gut klinge und keine Probleme habe. Und ich weiss auch, was ich nicht tun sollte, weil es sonst erfahrungsgemäß nicht optimal ist.

Darum geht es unter Anderem für mich: sich der eigenen Stimme bewusst zu sein.

Und das Wichtigste Element zum Erlernen: Spaß. Warum? weil Singen super klasse ist und der einzige Grund erstmal sein sollte, daran Spaß zu haben. Klar ist es auch toll, damit reich und bemühmt zu werden, aber darum geht es nicht, denn dieses Ziel ist eine Falle.

Denn wie schrieb Rainer Maria Rilke so schön in seinem "Briefe an einen jungen Dichter": ..."Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

So sehe ich es auch: Leben wir die Kunst intensiv und nur ihrer selbst Willen, und wir werden von ihr mit Göttlichkeit belohnt werden, noch weit vor dem Ruhm. Und dann werden wir ihn nicht mehr brauchen, um erfüllt zu sein.